die Unsicherheit an den Märkten nimmt wieder spürbar zu. Geopolitische Spannungen rund um den Iran, anhaltende Inflationssorgen und zuletzt wieder anziehende Rohstoffpreise sorgen für Nervosität und schwankende Kurse. In solchen Phasen wächst bei vielen Anlegern die Sorge vor weiteren Rücksetzern im Depot. Entsprechend rückt eine zentrale Frage wieder in den Fokus: Wie kann man sich sinnvoll gegen fallende Kurse absichern, ohne komplett aus dem Markt auszusteigen?
Die Antwort ist weniger trivial, als es auf den ersten Blick wirkt. Absicherung kostet immer Geld, wirkt oft nur temporär und wird von Privatanlegern häufig zum falschen Zeitpunkt eingesetzt. Trotzdem gibt es Werkzeuge, die sinnvoll sein können, wenn man sie versteht und bewusst einsetzt. Ich gehe hier in meinem Report auf die bekanntesten Absicherungsinstrumente mal näher ein.
Möglichkeit 1: Optionen
Optionen gelten als die sauberste Form der Absicherung, sind aber klar ein Instrument für erfahrene Anleger. Über Put Optionen lässt sich ein Portfolio direkt gegen fallende Kurse absichern, theoretisch sehr präzise. Der Haken liegt in der Komplexität: Laufzeit, Basispreis, implizite Volatilität und Zeitwertverlust spielen eine entscheidende Rolle.
Wer diese Faktoren nicht sauber einschätzen kann, zahlt oft hohe Prämien für einen Schutz, der am Ende nicht greift oder zu teuer war. Um Optionen handeln zu können, benötigt ein Anleger zunächst ein entsprechend freigeschaltetes Depot bei einem Broker, inklusive separater Zulassung für den Terminhandel. Zusätzlich sind ausreichende Kenntnisse über Funktionsweise, Risiken und Preisfaktoren wie Volatilität, Laufzeit und Basispreis erforderlich, da Optionen komplexe Instrumente sind. Je nach Strategie ist außerdem Kapital für Prämienzahlungen oder Sicherheitsleistungen (Margin) notwendig. Fazit: Nur für Profis geeignet.
Möglichkeit 2: Optionsscheine
Optionsscheine sind die zugänglichere Variante, funktionieren aber nach ähnlichen Prinzipien. Wichtig ist hier ein Punkt, der häufig unterschätzt wird: die Volatilität. Steigt die implizite Volatilität, verteuern sich Optionsscheine sowohl auf der Call- als auch auf der Put-Seite.
Das bedeutet konkret: Wer erst in einer nervösen Marktphase kauft, zahlt bereits einen Aufschlag. Absicherung über Optionsscheine macht daher vor allem dann Sinn, wenn die Volatilität noch niedrig ist und nicht, wenn die Angst bereits im Markt steckt. Zusätzlich kommt der Zeitwertverlust hinzu, der den Schein jeden Tag an Wert verlieren lässt, wenn sich der Basiswert nicht wie erwartet bewegt.
Für Optionsscheine benötigst du in Deutschland keine klassische Termingeschäftsfähigkeit wie bei echten Optionen (Eurex). Aber: Du musst bei nahezu allen Brokern eine Kenntniseinstufung bzw. Freigabe für komplexe Produkte durchlaufen und die Basisinformationen über Risiken bestätigen. Fazit: Die Volailität ist aktuell stark angestiegen, das macht Optionsscheine weniger attraktiv.
Möglichkeit 3: Knock-out-Zertifikate
Knockout-Zertifikate sind für viele Privatanleger deutlich einfacher zu verstehen. Sie bilden die Bewegung eines Basiswerts nahezu linear ab, solange die Knockout-Schwelle nicht erreicht wird. Der große Vorteil liegt in der Transparenz: Man kann relativ genau berechnen, wie sich Gewinne und Verluste entwickeln.
Der große Nachteil ist ebenso klar: Wird die Knockout-Schwelle berührt, ist das eingesetzte Kapital komplett verloren. Gerade in volatilen Märkten passiert das schneller, als viele erwarten.Um Knock-out-Zertifikate handeln zu können, benötigt ein Anleger lediglich ein Wertpapierdepot bei einem Broker, der den Handel mit strukturierten Produkten ermöglicht. Zusätzlich ist eine Freigabe für Produkte mit höherer Risikoklasse erforderlich, die meist über eine Kenntnisprüfung oder Selbsteinschätzung erfolgt. Fazit: Für Anleger am besten kalkulierbar.
Möglichkeit 4: Short Faktor ETFs
Faktor Zertifikate bzw. Short Faktor ETFs wirken auf den ersten Blick attraktiv, weil sie eine feste tägliche Hebelwirkung bieten. In der Praxis steckt hier jedoch ein oft übersehener Mechanismus: die tägliche Neugewichtung. Dadurch entstehen sogenannte Pfadabhängigkeiten.
In seitwärts laufenden oder stark schwankenden Märkten kann das Produkt über Zeit deutlich an Wert verlieren, selbst wenn die grobe Marktrichtung stimmt. Dazu kommen Rollkosten bei Produkten, die auf Futures basieren. Diese Kosten sind nicht immer transparent, wirken aber langfristig spürbar negativ. Fazit: Nur sinnvoll, wenn das Underlying einen klaren Trend aufweist.
So machen es die Profis
Aus meiner Zeit im aktiven Trading weiß ich, wie professionell institutionelle Investoren ihre Risiken steuern. Große Banken arbeiten mit klar getrennten Handelsbüchern, etwa für den DAX, den Nasdaq 100 oder den S&P 500. Die Absicherung erfolgt dabei sehr gezielt innerhalb dieser einzelnen Bücher, meist über Futures auf den jeweiligen Index, wodurch ein präzises und effizientes Hedging überhaupt erst möglich wird.
Für Privatanleger stellt sich die Situation deutlich komplexer dar. Wer gleichzeitig in verschiedene Märkte investiert ist, etwa in DAX-Werte, US-Tech-Aktien und den breiten US-Markt, hat ein Portfolio mit unterschiedlichen Einflussfaktoren und Korrelationen. Da sich diese Märkte nicht synchron bewegen, ist es in der Praxis äußerst schwierig, eine saubere und wirksame Absicherung umzusetzen, die wirklich alle Risiken sinnvoll abdeckt.
Das ist die Realität
Sich gegen fallende Kurse abzusichern, wenn die Unsicherheit ohnehin bereits hoch ist, hat häufig einen prozyklischen Charakter und erfolgt oft dann, wenn viele Marktteilnehmer bereits ähnlich denken und handeln. Genau das lässt sich aktuell beobachten: Die Absicherungsquote institutioneller Investoren in den USA liegt bereits auf einem sehr hohen Niveau. Das bedeutet, man ist bei weitem nicht der Erste, der auf diese Idee kommt, sondern bewegt sich in einem bereits stark besetzten Trade. Unter taktischen Gesichtspunkten ist das ein Umfeld, in dem zusätzliche Absicherungen nicht zwingend den besten Zeitpunkt treffen.
|